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Mein Gewächshaus hat die Weltherrschaft übernommen

Was passiert, wenn Tomaten, Gurken, Basilikum und ein nicht eingeladener Salat weitgehend selbst entscheiden dürfen, wie ein Gewächshaus auszusehen hat.

Ich gebe zu: So war das nicht geplant.

Eigentlich hatte ich mein Gewächshaus zu Beginn der Saison sogar ziemlich ordentlich angelegt. Rechts standen vier Tomatenpflanzen, links ebenfalls vier und hinten noch einmal drei. Auf der linken Seite kamen drei Gurkenpflanzen dazu, zwischen und hinter den Tomaten hatte ich Basilikum gesetzt. Die Erde war vorbereitet, die Tropfbewässerung lag, jede Pflanze hatte ihren Platz und in der Mitte war mehr als genug Raum zum Laufen.

Ich habe sogar Fotos davon. Sonst würde mir den heutigen Zustand wahrscheinlich niemand glauben.

Frisch bepflanztes Gewächshaus mit jungen Pflanzen und Tropfbewässerung
So fing es an. Übersichtlich, ordentlich und mit tatsächlich sichtbaren Wegen.

Salat gehörte übrigens nicht zu meinem Pflanzplan. Den hatte ich dieses Jahr überhaupt nicht gepflanzt.

Der Salat sah das offenbar anders.

Irgendwo im Boden müssen noch Samen aus dem Vorjahr gelegen haben. Das Erstaunliche daran ist, dass ich das Beet vorher gründlich umgepflügt hatte. Der Salat hat sich davon nicht beeindrucken lassen und ist einfach wieder aufgetaucht – natürlich genau dort, wo inzwischen die Tomaten standen.

Rückblickend war das wahrscheinlich der erste Hinweis darauf, dass meine Rolle als alleinige Entscheidungsträgerin in diesem Gewächshaus bereits ins Wanken geraten war.

Gartenarbeit trifft auf das echte Leben

Am Anfang der Gartensaison mache ich normalerweise ziemlich viel. Ich bereite die Beete vor, pflüge um, pflanze, baue Dinge um und versuche, eine vernünftige Grundlage zu schaffen.

Dieses Jahr kam noch hinzu, dass ich das Gewächshaus neu setzen musste. Es hatte nämlich zwischenzeitlich bei einem Sturm beschlossen, dass sein Standort offenbar nur eine unverbindliche Empfehlung war, und war weggeflogen.

Also wurde es wieder aufgebaut, die Erde vorbereitet und schließlich bepflanzt.

Das Problem beginnt bei mir meistens danach. Genau in der Zeit, in der im Garten eigentlich immer mehr zu tun wäre, beginnt auch meine Arbeitssaison. Gleichzeitig steigen hier die Temperaturen. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem Gartenarbeit tagsüber nicht mehr entspannend oder meditativ ist, sondern einfach nur noch heiß.

Sehr heiß.

Natürlich könnte ich bei 35 oder 40 Grad noch stundenlang zwischen Tomatenpflanzen herumkriechen, Triebe sortieren und Unkraut jäten. Theoretisch wäre das möglich.

Praktisch mache ich das nicht.

Bei mir gibt es für Pflanzen deshalb eigentlich nur zwei Möglichkeiten: wachsen oder sterben.

Ganz so brutal ist es natürlich nicht. Ich pflanze sie schließlich nicht irgendwo hin und wünsche ihnen anschließend viel Glück. Ich bereite den Boden vor, sorge dafür, dass sie Wasser bekommen, und schaue schon, was passiert. Aber ich habe weder die Zeit noch die Ambition, jede einzelne Pflanze dauerhaft zu betreuen.

In diesem Sommer bestand meine zuverlässigste tägliche Gartenarbeit deshalb aus ungefähr zehn Minuten Tropfbewässerung am Morgen. Schlauch aufdrehen, Wasser laufen lassen, später wieder zudrehen.

Mehr war es im Großen und Ganzen nicht. Gedüngt habe ich ebenfalls nicht.

Junge Tomaten- und Gurkenpflanzen im Gewächshaus mit freiem Mittelgang
Ein paar Wochen später. Die Pflanzen legten los, aber zu diesem Zeitpunkt konnte man noch problemlos durchgehen.

Und mit dem Ausgeizen der Tomaten ist es ohnehin jedes Jahr dasselbe.

Ich werde vermutlich niemals konsequent Tomaten ausgeizen

Ich nehme es mir wirklich jedes Jahr vor. Dieses Jahr mache ich es richtig, denke ich dann. Dieses Jahr werden die Tomaten regelmäßig ausgegeizt und ordentlich geführt.

Und dann übersehe ich natürlich wieder irgendeinen Seitentrieb.

Ein paar Tage später entdecke ich ihn, und inzwischen hängt der da nicht mehr unschuldig als kleiner Trieb herum, sondern hat bereits Blüten.

Und dann soll ich den einfach abschneiden?

Das tut mir jedes Mal in der Seele weh.

Da hat die Pflanze sich offensichtlich Mühe gegeben, einen neuen Trieb gebaut, Blüten angesetzt und bereits konkrete Pläne für weitere Tomaten entwickelt – und ich komme mit der Schere und erkläre das Projekt für beendet.

Also bleibt der Trieb dran. Und wenn mir dasselbe mit dem nächsten passiert, bleibt der meistens ebenfalls dran.

Das Ergebnis dieser mangelnden Konsequenz kann man inzwischen ziemlich deutlich sehen.

Erfolg sieht nicht immer ordentlich aus

Die elf Tomatenpflanzen sind heute kaum noch als einzelne Pflanzen zu erkennen. Sie wachsen ineinander, übereinander und quer durch das Gewächshaus. Die Wege, die ich ursprünglich angelegt hatte, sind noch da. Davon bin ich überzeugt, schließlich habe ich sie selbst gemacht. Man sieht nur nicht mehr besonders viel davon.

Dicht überwuchertes Gewächshaus mit Tomatenpflanzen
Und irgendwann war dieser Zustand erreicht. Die Wege sind theoretisch noch vorhanden.
Große Tomatenernte in der Küche mit Katze neben der Spüle
Eine der Tomatenernten. Die Qualitätskontrolle war ebenfalls vor Ort.

Trotzdem wäre es völlig falsch zu sagen, dass das Ganze nicht funktioniert hat. Im Gegenteil: Ich habe bereits jede Menge Tomaten geerntet.

So viele, dass wir sie nicht nur frisch gegessen haben. Ein Teil wurde eingefroren, einen Teil habe ich eingekocht. Wenn auf einmal sehr viele Tomaten gleichzeitig reif sind, ist das irgendwann keine Frage mehr von „Was könnten wir damit machen?“, sondern eher von „Wie kriegen wir die jetzt verarbeitet?“

Außerdem habe ich einen Teil der Tomaten getrocknet und daraus Tomatenpulver gemacht. Das braucht kaum Platz, hält sich gut und lässt sich später zum Würzen oder für Saucen verwenden.

Auch die drei Gurkenpflanzen haben deutlich mehr produziert, als wir brauchten.

Mehrere große selbst geerntete Gurken auf einem Tisch
Drei Gurkenpflanzen. Über mangelnden Ertrag konnte ich mich definitiv nicht beschweren.
Hüfthoher Basilikum zwischen dicht gewachsenen Tomatenpflanzen
Der Basilikum ganz hinten. Hüfthoch – vermutlich, weil ihm gar nichts anderes übrigblieb.

Und der Basilikum ganz hinten ist inzwischen locker hüfthoch. Bei ihm vermute ich allerdings weniger außergewöhnliche gärtnerische Fähigkeiten meinerseits als einen ausgeprägten Überlebenswillen. Zwischen diesen Tomaten bleibt einem vermutlich gar nichts anderes übrig, als immer weiter nach oben zu wachsen, wenn man noch etwas Licht abbekommen möchte.

Das Ergebnis ist also bemerkenswert produktiv und gleichzeitig vollkommen außer Kontrolle. Was ich irgendwie sympathisch finde.

Mein Salat war schon vorher auf Wanderschaft

Dass der Salat plötzlich im Gewächshaus auftaucht, ist übrigens nicht seine erste eigenmächtige Entscheidung.

Vor zwei Jahren hatte ich vier kleine Kissen von diesem krausen Salat gepflanzt. Er ist tatsächlich mein Lieblingssalat und im Grunde der einzige, den ich wirklich gerne esse. Die Pflanzen haben irgendwann wunderschön geblüht und sahen dabei fast wie kleine blaue Blütenteppiche aus.

Im folgenden Jahr hatte ich plötzlich Hunderte Salatpflanzen im Beet.

Nicht weil ich so fleißig ausgesät hätte. Ich hatte überhaupt nichts ausgesät. Der Salat hatte das selbst erledigt.

Danach begann er langsam zu wandern. Immer weiter durch das Beet, jedes Jahr ein Stück weiter nach vorne und immer näher an das Gewächshaus heran.

Dieses Jahr ist er angekommen.

Ich hatte ihn nicht gepflanzt, nicht ausgesät und auch nicht darum gebeten. Trotzdem wächst mein Lieblingssalat inzwischen zwischen den Tomaten.

Mich stört das überhaupt nicht. Wenn schon eine Pflanze beschließt, ohne meine Beteiligung durch den Garten zu ziehen, dann darf es gerne eine sein, die ich tatsächlich essen möchte.

Der Knollenfenchel hat das Prinzip ebenfalls verstanden

Der Salat ist auch nicht die einzige Pflanze, die bei mir ihre Fortpflanzung inzwischen selbst organisiert.

Im Kraterbeet hatte ich im vergangenen Jahr Knollenfenchel gepflanzt. Auch der fand seinen Standort offenbar ziemlich überzeugend und säte sich selbst aus.

Und damit meine ich nicht, dass irgendwo ein bisschen Fenchelgrün aufgetaucht ist. Ich hatte tatsächlich wieder richtigen Knollenfenchel.

Dieses Jahr war ich irgendwann zu spät dran und habe einen Teil einfach hochschießen lassen. Inzwischen stehen dort etwa zwei Meter hohe Blütenstände. Jetzt warte ich darauf, dass sie vollständig abtrocknen, damit ich die Fenchelsamen sammeln kann.

Der Fenchel kümmert sich also inzwischen ebenfalls um seine eigene Nachfolge.

Langsam entsteht der Eindruck, dass bestimmte Pflanzen mein System verstanden haben: Ich stelle Erde und Wasser zur Verfügung, und wer sich dauerhaft etablieren möchte, sollte möglichst selbstständig sein.

Dann gibt es allerdings noch die Möhren

Bevor jetzt der Eindruck entsteht, mein Garten sei ein magischer Ort, an dem sich Lebensmittel ohne mein Zutun selbst vermehren und ich nur noch mit einem Erntekorb hindurchlaufen muss, muss ich an dieser Stelle über Möhren sprechen.

Ich versuche seit Jahren, Möhren anzubauen.

Wirklich.

Ich säe sie, ich gieße sie und ich gebe ihnen ausreichend Gelegenheit, ihre Möhrenkarriere zu beginnen. Sie wollen nicht.

Während der Salat ohne Einladung durch meinen Garten wandert, der Fenchel eigenständig die nächste Generation produziert und die Tomaten mein Gewächshaus übernehmen, betrachten Möhren meine Beete offenbar als vollkommen ungeeignet für ihre weitere Lebensplanung.

Bei mir gibt es für Pflanzen zwei Möglichkeiten: wachsen oder sterben.

Die Möhren wählen bisher ziemlich zuverlässig Möglichkeit zwei.

Man kann nicht alles haben.

Nachts gehört das Gewächshaus den anderen

Eine gewisse Grenze meiner Bereitschaft, die Dinge einfach laufen zu lassen, habe ich inzwischen allerdings entdeckt.

Vor einiger Zeit wollte ich einer Bekannten noch Tomaten mitbringen und hatte vergessen, sie rechtzeitig zu pflücken. Als ich daran dachte, war es bereits dunkel.

Also habe ich eine Taschenlampe genommen und bin ins Gewächshaus gegangen.

Das war ein Fehler.

Sobald ich anfing, die Tomatenblätter zu bewegen, kamen mir überall kleine weiße Flugobjekte entgegen. Was genau das alles war, kann ich bis heute nicht sagen. Kleine Fliegen, irgendwelche anderen fliegenden Viecher – jedenfalls waren es sehr viele und sie waren vollkommen unbeeindruckt von meiner Anwesenheit.

Sie flogen mir ins Gesicht und tatsächlich auch in den Mund, sobald ich ihn geöffnet habe. Tomatenpflücken mit geschlossenem Mund ist eine durchaus interessante Erfahrung.

Ich habe die Tomaten für meine Bekannte bekommen, dabei aber auch eine neue Regel eingeführt: Nach Einbruch der Dunkelheit gehört das Gewächshaus den anderen.

Seitdem erledige ich die Ernte lieber bei Tageslicht.

Würde ich es nächstes Jahr wieder genauso machen?

Ganz genauso vermutlich nicht. Ein bisschen mehr Ordnung wäre durchaus praktisch. Wenn ich einige Triebe früher entfernen würde, käme mehr Luft zwischen die Pflanzen, ich könnte mögliche Probleme früher erkennen und müsste bei der Ernte nicht jedes Mal überlegen, auf welchem Weg ich mich diesmal zu einer Tomate durchkämpfe.

Ich weiß also durchaus, warum man Tomaten ausgeizt und warum es sinnvoll sein kann, Pflanzen regelmäßig in Form zu halten. Mein diesjähriges Gewächshaus ist ganz sicher keine Anleitung dafür, wie man Tomaten anbauen sollte.

Es zeigt mir aber wieder einmal, dass zwischen „perfekt gepflegt“ und „funktioniert überhaupt nicht“ ziemlich viel Platz liegt.

Gerade hier ist Wasser nicht verhandelbar. Ohne die tägliche Bewässerung wäre die Geschichte wahrscheinlich sehr schnell vorbei gewesen. Aber darüber hinaus war ich dieses Jahr schlicht gezwungen, viele Dinge laufen zu lassen, weil weder meine Arbeit noch die sommerlichen Temperaturen besonders viel Rücksicht auf meine Gartenpläne genommen haben.

Und erstaunlich vieles hat trotzdem funktioniert.

Der Salat kommt inzwischen sogar ohne Einladung, der Fenchel organisiert seine nächste Generation selbst, der Basilikum hat sich zwischen den Tomaten zum Licht durchgekämpft und die Gurken haben mehr produziert, als wir essen konnten. Die Tomaten wiederum haben aus elf überschaubaren Pflanzen einen Zustand geschaffen, bei dem ich heute teilweise überlegen muss, wie ich überhaupt noch an die Früchte herankomme.

Ich werde mir vermutlich auch nächstes Jahr wieder vornehmen, früher auszugeizen, etwas mehr Ordnung zu halten und das Gewächshaus diesmal wirklich im Griff zu behalten.

Das glaube ich in diesem Moment sogar selbst.

Und dann werde ich irgendwann wieder einen Seitentrieb entdecken, den ich übersehen habe. Er wird wahrscheinlich schon Blüten tragen, ich werde mit der Schere davorstehen und mir denken, dass ich ihn jetzt wirklich abschneiden müsste.

Und ich werde es wieder nicht tun.

Wenn ich mir mein Gewächshaus heute ansehe, habe ich zumindest eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie die Geschichte danach weitergeht.

Nur bei den Möhren gebe ich die Hoffnung noch nicht auf.